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Gerhard Josten:
HEIMATEN

 

 

Einleitung

 

Mehr Bilder als Worte sind auf dieser Seite zu finden, denn ein Bild sagt ja bekanntlich mehr als tausend Worte. Dieses Sprichwort habe ich mir zur Gestaltung dieser Seite in Erinnerung gerufen, weil der Zeitaufwand des Betrachters zum Genuss des Inhalts bei Bildern im Gegensatz zu Worten fast frei wählbar ist.

Mein Wohnort ist das schöne Rodenkirchen bei Köln am Rhein mit dem Kapellchen Alt St. Maternus und der Rheinbrücke im Zuge der Autobahn A4. Mein oben stehendes Gemälde, das 2015 entstand, vermittelt einen abendlichen Eindruck von dieser Region, die im Jahr 1972 meine geografische Heimat wurde.

Verschiedene Formen von Heimat" könnte der Titel der vorliegenden Seite etwas ausführlicher und dudengerechter lauten, denn ich habe nicht nur ein geografisches Zuhause. Mir scheint, dass meine Eltern mir es in die Gene gelegt haben, mich nicht nur mit einer einzigen Heimat identifizieren zu können. Ja, ich habe mehrere Heimaten, auch wenn der Duden angibt, dass es den Plural dieses Worts nicht gibt. Es scheint aber Bewegung in diese heimatliche Angelegenheit zu kommen. So definiert  Wikipedia den Begriff „Heimat“ u.a. wie folgt:  

 

Heimat könne auch „neu gewonnen […] werden“ (Piepmeier 1990: 106), da der Heimatbegriff die Möglichkeit auf Beheimatung einschließe – also auf Aneignung einer vertrauten Lebenswelt und Ausbildung sozialer Zugehörigkeiten (Mitzscherlich 1997a). Die Heimatfindung könne demnach gleichsam in beweglichen Modellen von Raumdefinitionen und persönlichen Zuordnungen erfolgen. Die Heimat als sozialer Raum eröffne sich so mehr in lebens- und alltagsweltlichen Interaktionen im Rahmen von Bekanntschaften, Freundschaften und Nachbarschaften (Cremer und Klein 1990) und erschließe sich in der Auseinandersetzung mit der lebensweltlich-kulturellen Umwelt – mit dem Ziel, individuelle Handlungsgewissheiten zu erlangen. So verstanden wäre Heimat Lebensmöglichkeit und nicht Herkunftsnachweis. Heimat würde „nicht länger als Kulisse verstanden, sondern als Lebenszusammenhang, als Element aktiver Auseinandersetzung“ (Bausinger 1980: 21). Heimat sei somit der Lebensort, an dem man zu Hause sei und sich zu Hause fühlt, „wo ich im vollen Sinne lebe als einer, der eingewöhnt ist und nicht nur eingeboren“ (Waldenfels 1990: 113) und den man sich in einem schöpferischen Prozess aktiv aneignen kann (Greverus 1979).

 

Meine spielerisch-kämpferische Heimat war - abgesehen von einer zehnjährigen Funktion als Vorsitzender eines Schachvereins in Köln -  bis zum Jahr 2012 das Schachspiel mit den Schwerpunkten der Suche nach seinem Ursprung und der Komposition von Endspielstudien. Künstlerische Heimat wurde mir ab 1975 die Malerei, der die Schriftstellerei dann ab 1992 folgte. Als berufliche Heimat diente mir seit 1966 bis zur Pensionierung im Jahr 2002 das überörtliche Straßenwesen im Rheinland mit den Bereichen Planung, Ausführung und Unterhaltung. Und auch die Fotografie bezeichne ich als meine Heimat, auch wenn ich inzwischen die schwere Spiegelreflexkamera mit drei Objektiven gegen eine Kompaktkamera eingetauscht habe, die problemlos in die Hosentasche passt.

 

Das am Ende dieses Texts stehende undatierte Gemälde, das bereits etwa um 1975 entstanden sein muss, als ich mich noch nicht der Schriftstellerei zugewandt hatte, verdeutlicht bereits ein klein wenig meine damalige Vielfalt von Heimat. Irmgard, unsere fünfköpfige Familie in den bunten Blüten und der Grundriss unseres Grundstücks im Vordergrund stellen die allererste und familiäre Heimat dar. Das Schachdiagramm als die einstige spielerische Heimat zeigt eine meiner Schachkompositionen, in der ein Bauer sich vierfach umwandelt. Die damalige Rheinbrücke sollte die berufliche Heimat signalisieren, die im Jahr 2001 endete und in der unterbrochenen Brücke sowie in dem an einen fliegenden Drachen erinnernden Autobahnkreuz links oben im Bild deutlich werden sollte. Der Hintergrund zeigt meine geografische Heimat Köln. Das Alter soll weise machen, meint ein altes Sprichwort, aber seit der Fertigstellung dieses Bildes hat sich in dieser Hinsicht nicht sehr viel Neues getan. Nur die Heimat des Schreibens, in der ich damals noch nicht zuhause war, ist auf diesem Gemälde nicht besonders dargestellt.

 

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Diese anspruchsvolle biblische Aufforderung, so einfach sie auch klingt, gelingt sehr vielen Menschen nicht in jungen Jahren  oder nicht ständig und nicht in vollem Umfang. Zu dieser Kategorie von Menschen gehört auch der Autor dieser Zeilen. Eine gewisse Nachdenklichkeit bescherten ihm viele Gespräche, in denen die Partner in einer Art von Selbstanzeige Klage darüber führten, ihre Eltern viel zu wenig über deren Erfahrungen, Erlebnisse und Ereignisse befragt zu haben. „Was hätte ich meine Eltern noch alles fragen wollen!“, lautete oft das von einem Achselzucken begleitete Bekenntnis.

Ich selber muss mich in dieser Hinsicht zu den Spätzündern dieser Welt rechnen. Immerhin gelang es mir, meine Mutter, deren Erinnerungsvermögen und Konzentrationsfähigkeit bereits etwas eingeschränkt war, kurz vor ihrem Tod am 23. Mai 1997 zu ihrem Lebenslauf zu befragen und eine entsprechende Broschüre im Kreis der Familie zu verteilen. Im Abschnitt "Literatur" und dort unter E) Privatbücher" befindet sich die Titelseite dieser Broschüre "Wenn ich nachts wach im Bett liege". Dazu befragte ich meine Mutter nach ihrem Leben und schrieb ihre Antworten nieder. Eines der Exemplare gab sie mir mit folgenden Anmerkungen zurück:

 

Nachdem Du als fertiger und selbständiger Mensch das Elternhaus verlassen hast, möchte ich Dir ein Lob aussprechen. Während Deiner Ausbildung hattest Du auch Widersacher. Ich habe oft gedacht, daß irgendwann der Abbruch kommt. Meine Schwiegereltern haben jede Woche Deinen Vater ermahnt, daß der älteste Sohn bei dem Meister in der Werkstatt eine Lehre bis zum Abschluß als Meister machen müßte. Ich habe auch sehr darunter gelitten, weil ich Deine Meinung kannte.

Zum Wochenende hast Du mich immer daran erinnert, Dich auf jeden Fall ganz früh am Montagmorgen um 2.30 zu wecken, um den Zug am Bahnhof pünktlich für die Fahrt nach Aachen zu erwischen. Die Vorlesung begann nämlich nicht um 8:05, sondern um 8:00 Uhr. Im Koffer hattest Du immer Proviant für eine halbe Woche.

 

Nun versteht sich aber von selbst, dass in den unruhigen Zeiten der Pubertät, des allmählichen Erwachsenwerdens und der eigenen persönlichen Entwicklung der Blick eher auf die Zukunft als auf die Vergangenheit gerichtet ist. Während der Jugendzeit und auch noch im mittleren Alter stehen mit einer gewissen Berechtigung die sorgfältige Planung der kommenden Jahre und die Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit im Vordergrund des Menschen. Im Alter dagegen schauen wir gern zurück und besonders wichtige Leute verfassen in dieser Phase ihre Memoiren, um sich der staunenden Nachwelt zu präsentieren.

So war denn auch – das sei hier gestanden – vor sehr vielen Jahren zunächst nichts als die eigene Überheblichkeit der erste Anlass, diese Seite zu veröffentlichen. Auf diesem Weg beabsichtigte ich, mich klammheimlich in die Schar der besonders wichtigen Leute hinein zu schleichen, die sich zu der so genannten Prominenz zählen, den „Herausragenden“. Es war Irmgard, mit der ich – so Gott will – in Kürze die Goldene Hochzeit feiern werde, also Irmgard, die mich wieder einmal auf den Boden der Tatsachen zurückführte. Im Gegensatz zu mir ist ihr alle Selbstdarstellung nämlich völlig fremd. Über alle Jahre stand die familiäre Heimat mit einer sehr lieben Frau, drei prächtigen Kindern und sechs ganz unterschiedlichen Enkeln stets im Mittelpunkt meines Lebens. Die Fotos von dieser Heimat im vorletzten Abschnitt G) dieser Webseite können davon aber leider nur einen ganz schemenhaften Einblick vermitteln.

Irmgard liebt ihre Nächsten, das sind nach ihrer Auffassung unsere Kinder und Enkel, die Verwandtschaft und einige gute Freunde, die sich über viele Jahre hinweg als sehr verlässlich erwiesen haben. Bei aller Unterschiedlichkeit verfolgen Irmgard und ich aber unsere gemeinsamen Ziele in jahrzehntelanger Teamarbeit. Und damit richtet sich – wenn auch in einem etwas sparsamen Rahmen – die ursprünglich ziemlich einseitig geplante Selbstdarstellung auf dieser Internetseite nunmehr an einen zweiten und nachdenklichen Zweck, nämlich an die Hinwendung auf unsere Nächsten. Und so öffnet sich diese Webseite via Internet zwar auch der Öffentlichkeit, aber in erster Linie richtet sie sich inzwischen doch eher an unsere Familie. Ihre jungen Mitglieder werden daher in Kürze ein inhaltsähnliches Buch in modifizierter Form erhalten, weil die Vergänglichkeit des Internets mir weniger dauerhaft erscheint.

 

 

 
 

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